Stein im Werden - Gruppenausstellung
10.04 - 04.05.26
Seit jeher fasziniert der Werkstoff Stein die Menschheit; seine Bearbeitung erfordert Geduld, Präzision und Ausdauer. Doch einmal von der Hand eines Steinbildhauers erschaffen, überdauern Büsten, Standbilder und Reliefs die Zeit. Obwohl neue Materialien und digitale Medien die Kunstwelt bereichert haben, ist Stein nach wie vor ein zentrales und wandlungsfähiges Medium in der zeitgenössischen Kunst und Bildhauerei.
Steine sind in unserem Kontakt mit der Außenwelt allgegenwärtig und bleiben doch meist unbeachtet. In stark zerkleinerter Form finden sie sich in zahlreichen Alltagsgegenständen oder als Baustoff. Sie sind vielseitig nutzbare und formbare Rohstoffe, die oft unscheinbar in den menschlichen Gebrauch eingebunden sind. Diese Wahrnehmung kann als Kommunikationsbrücke zwischen Umwelt und Mensch verstanden werden. Der Stein steht somit nicht nur für Dauer und Monumentalität, sondern auch für Zeit, Wandel und Erdgeschichte. In der aktuellen Kunst erhält der Stein als Zeuge des Anthropozäns eine zusätzliche inhaltliche Tiefe.
Die Geschichte der Steinskulptur ist eine jahrtausendealte Reise, die von frühen, archaischen und totemistischen Figuren bis zu komplexen architektonischen und künstlerischen Meisterwerken reicht. Sie steht stellvertretend für religiöse und funeräre Symbole im Alten Ägypten und in Mesopotamien sowie für die Verehrung von Gottheiten und Herrschern in der griechischen und römischen Antike. Von den dynamischen, dramatischen Formen Michelangelos und Gian Lorenzo Berninis in der Renaissance setzt sich diese Entwicklung in den vielfältigen Ausdrucksformen der zeitgenössischen bildenden Kunst fort.
Die großen steinernen Kunstwerke der Menschheitsgeschichte haben über die Jahrhunderte hinweg nichts von ihrer Schönheit und Kraft verloren. Stein ist ein zeitloses Material, das sich immer wieder neu behauptet und auch in der zeitgenössischen Kunst fest verankert ist. Als künstlerisches Medium hat es keineswegs ausgedient. Vielmehr steht er für Beständigkeit und verlangt zugleich intensive Hingabe und Auseinandersetzung, was in den Werken unmittelbar spürbar ist.
Früher wurde Stein hauptsächlich mit klassischer Skulptur in Verbindung gebracht. In der zeitgenössischen Kunst wird er jedoch deutlich freier, experimenteller und konzeptueller eingesetzt. Die Erweiterung von Formen und Kontexten führt zu neuen Ausdrucksweisen wie Installationen, Land Art und ortsspezifischen Arbeiten. Dabei kommen zunehmend rohe, unbearbeitete Steine zum Einsatz statt perfekt polierter Oberflächen. Oft werden sie mit anderen Materialien kombiniert, beispielsweise mit Metall, Glas, Neon, Textilien oder Videos, aber auch mit Licht- oder Klanginstallationen. So hat der Land-Art-Künstler Richard Long beispielsweise Natursteine für minimalistische, prozesshafte Werke in Landschaftsräumen genutzt. Durch das Versetzen, Ordnen oder Stellen in neue Kontexte schrieb er den Steinen neue Bedeutungsebenen zu – etwa im Spannungsfeld von Eingriff, Veränderung und Transformation.
So steht Stein heute nicht mehr nur für Dauer und Monumentalität, sondern auch für Ursprünglichkeit und Zeitlichkeit, kulturelle Identität sowie für ökologische und nachhaltige Fragen. Künstler wie Anish Kapoor oder Giuseppe Penone erforschen den Werkstoff im Dialog mit Raum, Körper und Natur. Dabei wird die Materialität selbst häufig zum Thema: Gewicht, Widerstand, Bruch und Festigkeit rücken ins Zentrum der künstlerischen Auseinandersetzung. Durch diese veränderte Wahrnehmung gewinnen zeitgenössische Steinskulpturen eine besondere Zeitlosigkeit und entfalten eine starke, unmittelbare Präsenz.
Ausstellende Künstler*innen: Markus Gasser, Flavio Senoner, Bruno Vallazza, Otto Piazza, Arianna Moroder, Thaddäus Salcher und Markus Gasser
Flavio Senoner präsentiert in der Ausstellung eine stark abstrahierte Frauenbüste. Eine voluminöse, gerundete Form verdichtet sich zu einer geschwungenen Kante und verleiht der Skulptur eine ruhige, zugleich kraftvolle Präsenz. Das 1989 entstandene Werk markiert einen frühen Übergang in seinem Schaffen – den Schritt von der figurativen Darstellung hin zur Abstraktion.
Arianna Moroder greift auf Stein in seiner ursprünglichen Form zurück. Steine aus unterschiedlichen Fundorten werden zu einer Kette, einem Rosenkranz, zusammengefügt. Die Schwere und Ursprünglichkeit des Materials verstärken die vielschichtige Symbolik der Arbeit, die zwischen Urgeschichte, Glauben, Verbundenheit und Tradition oszilliert.
Die in Stein gemeißelten Köpfe des Künstlers Markus Gasser strahlen eine ausgeprägt archaische Präsenz aus. Sie vermitteln dem Betrachter Empfindungen von Sehnsucht, Hingabe und innerer Sammlung. Teilweise scheint es, als würden die in sich gekehrten Köpfe direkt aus der ursprünglichen Form des Steins herauswachsen.
Die Skulpturen von Thaddäus Salcher zeichnen sich durch eine besondere Balance von Sinnlichkeit und stiller spiritueller Präsenz aus. Seine stark reduzierten Figuren nähern sich der menschlichen Gestalt lediglich in Andeutungen. Dabei dient die Form als Träger innerer Zustände: Salchers Interesse gilt weniger der äußeren Erscheinung als vielmehr der Verdichtung von Empfindungen und Emotionen, die den Figuren eine ruhige, kontemplative Ausstrahlung verleihen.
Der 1928 geborene und 2016 verstorbene Künstler Bruno Vallazza ist in der Ausstellung mit Skulpturen vertreten, bei denen Schmiedeeisen und Kieselsteine kombiniert wurden. Die Steine behalten dabei ihre weich gerundete Form, werden jedoch zu neuen plastischen Einheiten zusammengefügt. In konglomeratartigen Verdichtungen entstehen so Andeutungen menschlicher Figuren. Ergänzend sind zwei aus Marmor gefertigte Skulpturen zu sehen, in denen Vallazza mit stark reduzierten Formen ebenfalls menschliche Figurationen anklingen lässt.
In den Skulpturen von Otto Piazza finden Formvorstellungen archaischer und antiker Kulturen ihren Widerhall. Seine voluminösen, anthropomorphen Figuren vermitteln Kraft, Beständigkeit und Erdverbundenheit. In ihrer kompakten Plastizität scheinen sie die Energie der Dolomitenlandschaft in sich zu tragen, deren Gestein und Massivität in ihrer Erscheinung nachhallen.
Der Bildhauer und Zeichner Michael Höllrigl (1936–2024) widmete sein künstlerisches Schaffen zeitlebens dem Thema Mensch. In seinen Skulpturen reduziert er die menschliche Gestalt auf wenige, präzise gesetzte Formen, die die Konturen des Körpers eher umschreiben als ausformulieren. Durch das Zusammenfügen geometrischer Volumen entstehen konzentrierte plastische Setzungen, in denen der menschliche Körper als archetypische Form präsent wird. In einigen Arbeiten verbindet Höllrigl Elemente zu totemartig aufragenden Steinskulpturen.
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